Tempo ist heute ein Wettbewerbsvorteil. Wer Angebote schneller und besser liefert, Probleme rascher löst und auf Kundenanfragen verlässlich reagiert, gewinnt. Zumindest meistens.
Doch wer schnell sein will, muss schnell lernen. Und wer schnell lernen will, braucht an den richtigen Stellen Zeit. Ein gewisses Maß an Langsamkeit. Klingt paradox? Ist es auch – aber nur auf den ersten Blick.
Unser Gehirn liebt Routinen, Abkürzungen und schnelle Urteile. Solange wir uns auf sicherem Terrain bewegen, Erfahrung mitbringen und bekannte Abläufe abspulen, ist das hilfreich. In komplexeren Situationen wird genau diese Stärke jedoch zum Problem. Dann reagieren wir schnell, aber nicht unbedingt klug. Im schlimmsten Fall beschleunigen wir nur den Irrtum. Gute Lösungen sind dann eher Glückstreffer als Ergebnis sauberer Führung.
Dauerhaft erfolgreich sind nicht jene Unternehmer:innen, die immer am schnellsten reagieren. Dauerhaft erfolgreich sind jene, die am schnellsten lernen. Die früher erkennen, was der Markt zurückmeldet. Die nüchtern prüfen, welche Bedingungen eine Entscheidung braucht, damit sie überhaupt wirken kann. Die Zahlen, Daten und Fakten anschauen, ohne sie mit Hoffnung zu lackieren. Und die regelmäßig innehalten, damit Veränderungen nicht erst sichtbar werden, wenn es teuer wird.
Schnelles Reagieren, schnelle Entscheidungen und schnelles Handeln werden uns oft als unternehmerische Tugenden vorgebetet. Man müsse nur rasch genug sein, dann komme der Erfolg fast von selbst.
In der Praxis ist das oft nicht mehr als gut getarnter Aktionismus. Wir ziehen am Grashalm, damit er schneller wächst.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Wie können wir noch schneller handeln?
Sondern: Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit unser Vorhaben überhaupt gelingen kann?
Genau diese Bedingungen und Stellhebel sind meist nicht offensichtlich. Sie springen uns nicht ins Auge, sie brüllen uns nicht an. Sie liegen im Verborgenen: in Gewohnheiten, Rückmeldeschleifen, Abhängigkeiten, Engpässen, unausgesprochenen Erwartungen oder schlichten Beobachtungsfehlern.
Mein Fazit
Gute Führung braucht an den entscheidenden Stellen Zeit. Zeit zum Beobachten, Vergleichen, Messen, Unterscheiden und Schlüsseziehen. Man könnte auch sagen: aktives Nichtstun. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern um die Lage so gut zu lesen, dass wir nicht gegen das System arbeiten – sondern mit ihm.
Das Schöne daran: Wenn die Bedingungen stimmen, müssen wir oft gar nicht mehr so viel anschieben, treiben und nachhelfen. Dann kippt das System Schritt für Schritt in unsere Richtung.
Eine Frage der Robustheit
Haben Sie sich schon einmal Zeit genommen, um über Ihr Unternehmen in Ruhe nachzudenken? Nämlich: wirklich Zeit genommen. Oder kreisen Ihre Gedanken nur, wenn Sie gerade einmal etwas Luft haben? Haben Sie das Gefühl, dass Sie vorwiegend im Reaktionsmodus agieren? Wenn Sie diese zwei Fragen mit „Ja“ beantworten, dann wird es Zeit für eine Auszeit!
