„Experimentieren“ klingt nach Reagenzglas und dem Geruch von Schwefel im Physikraum. Und im Unternehmen? Da hat es oft einen zweifelhaften Ruf: unsicher, kein Plan, riskant, Ausgang ungewiss. Kurz: nichts für anständige Unternehmer:innen.
Dabei ist es genau das, was in unberechenbaren Zeiten Robustheit schafft.
Seien wir ehrlich: Wie viele Projekte haben Sie exakt so umgesetzt, wie sie ursprünglich geplant waren? Mit Zeitplan, Budget und ohne „kleine“ Umwege, die dann doch ein halbes Jahr dauern?
Die Realität ist: Projekte scheitern, verlängern sich oder verlaufen im Sand. Nicht, weil Sie zu wenig wollen oder schlecht geplant haben. Sondern weil zwischen Plan und Wirklichkeit ein tiefer Graben liegt. Pläne sind sauber. Die Wirklichkeit ist … freundlich ausgedrückt: kreativ.
Der Friedhof der stummen Zeugen
Der Risikoforscher und Investor Nassim Nicholas Taleb hat dafür ein treffendes Bild: den „Friedhof der stummen Zeugen“. Wir hören ständig von den Erfolgen. Von den Projekten, die „gezündet“ haben. Was wir kaum sehen: die vielen Versuche, die nie funktioniert haben.
Denken Sie an Sportstars. Wir sehen die Siegerfotos. Wir sehen nicht die Tausenden, die genauso fleißig waren – und trotzdem nicht dort gelandet sind. Im Geschäftsleben ist es ähnlich. Große, perfekt geplante und tatsächlich umgesetzte Vorhaben sind eher die Ausnahme als die Regel.
Und genau hier kommt das Experiment ins Spiel.
Die Nassim-Taleb-Regel oder die etwas andere 80/20 Formel
Ich halte mich an eine einfache Taleb-Daumenregel: 80–90 % der Ressourcen (Zeit, Geld, Menschen) stecken wir in das, was bereits funktioniert. Das ist Ihr Brot-und-Butter-Geschäft. Das hält die Maschine am Laufen. Selbstverständlich optimieren Sie das laufend, damit es wie geschmiert funktioniert.
10–20 % reservieren wir für Neues. Für kleine Experimente. Für Dinge, die Sie für die Zukunft wappnen.
Warum so wenig? Weil neue Aktivitäten selten sofort erfolgreich sind. Scheitern ist kein Betriebsunfall. Es ist Teil des Programms. Und Erfolg ist oft mehr Zufall, als uns lieb ist.
Siehe auch 2024_05
Wenn Sie es „wissenschaftlich“ mögen: Sie reduzieren damit das Risiko, erhöhen Ihr Lerntempo – und geben dem glücklichen Zufall mehr Gelegenheiten, bei Ihnen anzuklopfen.
Denken wie ein Business Angel
Ein Business Angel setzt nicht alles auf eine Karte. Er verteilt sein Geld auf viele Ideen. In der Hoffnung, dass eine davon richtig gut wird und die anderen Verluste mehr als ausgleicht.
Übertragen aufs Unternehmen heißt das: Viele kleine Wetten statt einer großen.
Ein Experiment ist kein Mammutprojekt. Es ist ein überschaubarer Test mit klarer Frage:
- Was genau wollen wir herausfinden?
- Was ist ein sinnvoller „kleiner“ nächster Schritt?
- Woran merken wir nach 2–4 Wochen Erfolg oder Misserfolg?
- Weitermachen, anpassen oder stoppen?
Was Experimente im Unternehmen wirklich bringen
1) Sie machen Anpassung zur Routine.
Kleine Tests, kurze Schleifen, schnelle Entscheidungen. Große Vorhaben lähmen oft, binden zu viele Ressourcen und enden im „Wir müssten eigentlich …“.
2) Unsicherheit verliert ihren Schrecken.
Sie müssen nicht mehr glauben. Sie probieren aus. Wenn es nicht funktioniert, probieren Sie etwas anderes. Schaden: klein. Erkenntnis: groß.
Nach dem Motto: „Experiment geglückt – jetzt wissen wir, dass diese Idee nicht funktioniert.“
3) Mitarbeiter:innen steigen leichter ein.
Sie führen nicht „das neue System“ ein, das dann womöglich floppt. Sie laden zum Testen ein. Sie holen Feedback. Sie verbessern gemeinsam. Das ist deutlich fairer – und meist wirksamer.
Mein Fazit
Experimentieren ist die Brücke zwischen Plan und Wirklichkeit.
In unberechenbaren Zeiten ist das kein Nice-to-have, sondern Ihr Betriebssystem. Strategie ist dann kein fixer Masterplan, sondern eine Reihe gut geplanter Experimente.
Eine Frage der Robustheit
Welche Idee tragen Sie schon länger mit sich herum? Welche wirkt zu groß, zu riskant oder zu aufwendig?
Wie könnten Sie diese Idee in kleine Häppchen schneiden – und daraus ein erstes, überschaubares Experiment machen?
