Über den Tunnelblick: Warum er wichtig, aber trotzdem schädlich ist

Stellen Sie sich bitte den Stromkreis eines Hauses vor. Jedes Haus ist mit einem Überlastungsschutz für den Stromkreis ausgestattet. Überschreitet die elektrische Belastung einen bestimmten Grenzwert, dann wird der gesamte Stromkreis unterbrochen. Keines der angeschlossenen Elektrogeräte funktioniert. Dann tappen Sie sich in der Dunkelheit vor und schalten den FI-Schutzschalter wieder ein und alles läuft wieder. Bis dahin herrscht aber totaler Stillstand. 

 

Auch Ihr Unterbewusstsein ist mit einem solchen Überlastungsschutz ausgestattet. Dieser Überlastungsschutz funktioniert aber ganz anders als jener des Stromkreises. Denn Ihr Unterbewusstsein dreht eben nicht plötzlich und sofort gleich alles ab. Das Unterbewusstsein konzentriert sich vielmehr auf die im Augenblick wichtigste Aufgabe und blendet alles andere aus. Das ist dann der Moment, wenn wir den Tunnelblick entwickeln. Ich bin mir sicher, dass Ihnen sehr schnell die eine oder andere Situation einfällt, in der Sie einen Tunnelblick entwickelt haben. Manchmal trifft man auch Menschen, denen man es schon ansieht, dass Sie gerade einen Tunnelblick haben. Kennen Sie das?

 

 

Wenn nun unser Unterbewusstsein in den Modus „Tunnelblick “ schaltet, werden wir buchstäblich blind. Dazu gibt es ein wunderbares Experiment und es gibt sogar ein Buch, das die komplette Studie beschreibt, die von vielen Autoren zitiert wird. Sie können aber auch einfach das Video auf YouTube ansehen. 

Dabei wird einer Gruppe von Testpersonen ein kurzes Video gezeigt. Zu sehen sind sechs Basketballspieler. Drei von ihnen sind mit weißen T-Shirts, die anderen drei mit schwarzen T-Shirts bekleidet. Mehrere Bälle sind im Spiel und die Spieler werfen sich gegenseitig die Bälle zu. Die Aufgabe der Testpersonen ist es, zu zählen, wie oft sich die weißen Spieler den Ball zuwerfen. So weit so gut. Wenn Sie den Test selbst machen wollen, dann sollten Sie jetzt aufhören zu lesen und das Video anschauen. ... Auf jeden Fall, in der Mitte des Videos passiert Folgendes: Eine Person, verkleidet als Gorilla, marschiert langsam durch das Bild. Der Gorilla geht zwischen den Spielern umher und beobachtet sie. Währenddessen spielen die Basketballspieler ungerührt weiter. Bei der Auswertung der Tests stellte sich heraus, dass ein großer Teil der Probanden die Anzahl der Ballwürfe korrekt gezählt hatte. Aber fast niemandem fiel auf, dass ein Gorilla durch das Bild gelaufen war! Das Unterbewusstsein der Testpersonen war in Höchstform und fokussierte seine gesamte Aufmerksamkeit auf die Zählaufgabe das unerwartete Ereignis wurde total ausgeblendet. Dafür reichte die Kapazität des Gehirns  einfach nicht mehr!

 

Übrigens, das Experiment heiß: „Der unsichtbare Gorilla “.

 

Das ist der Tunnelblick  par excellence. Im Grunde genommen ist er ja sehr nützlich! Er schützt uns vor einem Totalausfall des Systems und vor unangenehmen Blackouts. Wahrscheinlich haben Sie das selbst auch schon erlebt. Vielleicht erinnern Sie sich ja an eine Prüfungssituation, in der plötzlich gar nichts mehr gegangen ist, oder ein unangenehmes Bankengespräch, bei dem Ihnen auf eine „seltsame“ Frage des Risikomanagers der Bank nichts mehr eingefallen ist. Das ist dann die Situation, in der wir das Gefühl haben, dass unser Gehirn steht, wo wir buchstäblich auf der „Leitung stehen“, ganz so, als ob der Sicherungsschalter gefallen wäre. Der Tunnelblick ist die Vorstufe zum Blackout und soll uns vor diesem schützen!

 

Soweit die guten Eigenschaften des Tunnelblicks. Er ist aber auch gefährlich. Warum das so ist und wie Sie es vermeiden können, den Tunnelblick aufzusetzen, erfahren Sie im nächsten Artikel.


Eine Frage der Robustheit

 

Überlegen Sie sich zwei bis drei Situationen in der Vergangenheit, in denen Sie – aus heutiger Sicht und mit der Weisheit der Erfahrung – sagen würden, dass Sie da bereits den Tunnelblick aufgesetzt haben, und beobachten Sie sich selbst, in welchen Situationen Sie dazu neigen, einen Tunnelblick aufzusetzen.